Das Betreuungsgeld als gescheiterte Schicksalsfrage der Nation

10/13/2013
Ein heikles Thema, ich weiss. der Begriff “Betreuungsgeld” ist in diesem Land ideologisch derart aufgeladen, dass man durch dreifaches Murmeln in einem beliebigen Raum das Licht einschalten kann…

Ich kenne die Argumente beider Seiten, ich verzichte darauf, sie hier zu wiederholen, ich schreibe nur meine persönliche Meinung dazu: ich bin dagegen! Bevor jetzt aber der Jubel ausbricht und mich alle linken und sonstige Anti-Betreuungsgeld-Koalitonäre vereinnahmen, bitte ich vorher noch schnell meine Begründung zu lesen. Ich weiss auch, dass ich mir keine Freunde machen werde, aber ich bin unabhängig genug, auf der grundgesetzlich garantierten Meinungsfreiheit zu bestehen. Genauso, wie ich das allen anderen auch selbstverständlich zugestehe.

Betreuungsgeld, gut gemeint statt gut gemacht

Das Betreuungsgeld wie es nach aktueller Rechtslage gilt, ist ein typisches Beispiel für gut gemeint, statt gut gemacht. Aus einem kruden Koalitionsvertrag resultierend, gaukelt es es eine Wahl vor, die in Wirklichkeit keine ist. Mit 100 Euro im Monat (ab August 2014 150 Euro) lässt sich weder ein Kind betreuen, noch ein auf ein Erwerbseinkommen verzichten. Dazu ist eine deutlich höhere Unterstützung notwendig.
Die gibt es aber nicht. Dafür aber theoretisch einen Anspruch auf einen KiTa-Platz für die kleinen Kinder. Damit beide Eltern so schnell wie möglich wieder arbeiten können.
Damit könnte ich schliessen, denn mein Hauptargument ist durch und ich vermute, selbst ein eingefleischter Gegner dieser Art von Pseudo-Unterstützung wird mir zustimmen.

Aber …

… es gibt noch ein paar Betrachtungen, die sich mit den Argumenten der Gegner befassen. Deren Hauptanliegen ist bekanntlich Frauen, in diesem Falle Mütter, so schnell wie möglich wieder zur Arbeit zu schicken. Und das geht so weit, dass in so Mancher Weltbild eine Mutter, die nicht sofort wieder in die Erwerbstätigkeit strebt, eine minderwertige, altmodische Frau ist, die nicht verstanden hat, was gut für sie ist und daher geführt werden müssen.

Der Mythos vom Nazi-Heimchen am Herd entzaubert

Dazu wird dann schnell das Bild vom Heimchen am Herd wieder aus der Mottenkiste gekramt. Auch ein Vergleich mit dem Frauenbild des Nationalsozialismus folgt gerne. Nur, dass gerade dieser Vergleich nicht stimmt und lediglich eine gute Portion ideologisch verbrämter Halbbildung verrät. Denn das Frauenbild der Nazis sah nicht das Heimchen am Herd als angestrebte Rolle für die Frau vor, sondern die Frau sollte als Mutter dem Führer Söhne “schenken”. Soldaten. Wie und wo war egal. Das ging so weit, dass Frauen ausgesucht wurden, um mit ausgewählten Männern Kinder zu zeugen (Stichwort Lebensborn). Vollends absurd wird die Heimchen-am-Herd-These wenn man sich die Situation im Krieg vorstellt. Immerhin war von den 12 Jahren Nationalsozialismus das Land fast 6 Jahre im Krieg. Wie sollte das Leben im Reich ohne Einsatz der Frauen funktionieren, wenn die Männer zum guten Teil an der Front oder im Rüstungseinsatz waren? Da brauchte es keine Heimchen, sondern Frauen, die zupacken konnten und das Leben organisieren. Was z.B. meine Großmutter nachweislich tat, sonst schriebe ich jetzt nicht hier.
Wer also trotzdem immer noch behauptet, das Betreuungsgeld fördere eine Nazitradition gilt zwar evtl. in seiner eigenen Partei als ideologisch zuverlässig, hat aber keine Ahnung von Geschichte und man sollte sich fragen, warum solche Verfälschungen verbreitet werden.

Propagandatricksereien

Was mich wirklich ärgert, ist die Dreistigkeit, mit der bestimmte Politiker – Grüne, Linke und Sozialdemokraten – und einige Organe der veröffentlichten Meinung den Eindruck erwecken, als sei das Betreuungsgeld eine Alternative zum Besuch im Kindergarten für Kinder ab drei. Das ist ein perfider Beeinflussungsversuch des Wahlvolks, der sich aber freundlicherweise im Wahlergebnis als Rohrkrepierer erwiesen hat, weil die übergroße Mehrheit der Bevölkerung das Thema Betreuungsgeld längst nicht so deutlich auf dem Schirm hatte, wie es sich die genannten Parteien vorstellten. In Wirklichkeit ist das Betreuungsgeld für ganz kleine Kinder, für die Altersgruppe Null bis drei vorgesehen. Trotz dem wurde und wird nach wie vor Propaganda mit Fotos von größeren Kindern gemacht. Normalen Kindergartenkindern eben. Also nicht den wirklich Betroffenen.

Die Frage heisst Warum?

Ich frage mich, warum wird so eine massive Propaganda gegen das Betreuungsgeld gemacht? Warum sollen Mütter genötigt werden, ihre Kinder so früh wie möglich in eine Fremdbetreuung zu geben? Dazu fallen mir mehrere Punkte ein – zuerst ist es im heutigen Gesellschaftsbild ein Unding, wenn sich eine Mutter intensiv um ihren Nachwuchs kümmert, also in ihren eigenen Bedürfnissen zurücksteckt und stattdessen einen kleinen Menschen betreut. Für Väter gilt das natürlich weniger, denn i.d.R. werden Kinder in diesem kleinen Alter von ihren Müttern betreut. Ob das jetzt gut oder schlecht ist in Bezug auf die Rolle der Väter ist ein anderes Thema, durchaus abendfüllend, daher möchte ich hier nicht darauf eingehen.
Heute wird von einer Mutter meist erwartet, dass sie einer Erwerbstätigkeit nachgeht und ihre Kinder nach Möglichkeit ganz früh fremdbetreuen lässt. Wenn sie das nicht tut und sich bewusst für eine eigenen Betreuung entscheidet, gilt sie als rückständig. Ich sehe in dieser Ansicht einen großes Misstrauen an die Fähigkeit der Eltern, ihre eigenen Kinder zu erziehen vereint mit einer strengen Staatsgläubigkeit, die für Individualität im Lebensentwurf wenig Raum lässt. Was Jahrtausende funktioniert hat und u.a. auch die derzeitige Generation von Entscheidern in Politik und Gesellschaft geprägt hat, soll auf einmal nicht mehr gut sein.

Kontrolle ist das Ziel

Ich fürchte fast, es geht dabei gar nicht um die Kinder, sondern um Kontrolle. Kontrolle der Erziehung, meint der richtigen Erziehung, Kontrolle zur Gewährleistung der Verbreitung einer bestimmten Ideologie. Und dabei sind Eltern schnell mal unzuverlässig, weil es ihnen (hoffentlich) meistens um das Wohl ihrer Kinder und nicht unbedingt um einen gesellschaftlichen Auftrag geht.
Die Geschichte zeigt, dass von Hitler über Ulbricht, Pol Pot und Kim Jong Un jedes totalitäre System als eine der wichtigsten Handlungen nach Gleichschaltung der veröffentlichten Meinung den Eltern so früh wie möglich ihre Kinder entzieht. Ich sage nicht, dass auch hier diese Absichten hinter der Forderung nach frühester Fremdbetreuung stehen, aber die Parallelen sind offensichtlich. Und wenn ich einige andere Tendenzen zur Umerziehung der Menschen, national oder EU-gefordert (Rauchverbote, Förderung von Gender-”Wissenschaften”, Alternativlosigkeit der Euro-Politik usw.) hinzu nehme, scheint der Gedanke an eine Kontrollabsicht längst nicht mehr so weit hergeholt.
Auch der Gedanke, Frauen so schnell wie möglich wieder in die Produktion zu nötigen scheint mir kein demokratischer, auf Selbstbestimmung basierender zu sein. In der DDR war das gang und gäbe, das System (er)forderte dies. Hier wird es genauso gefordert, nur ist es nicht mehr eine Einheitspartei, die damit ein für sie förderliches marodes System am Leben erhalten will, sondern es sind die Märkte, die einen hohen Zufluss an Kapital benötigen, damit sie nicht kollabieren. Und genau dazu ist wichtig, dass möglichst viele Menschen – Männer wie Frauen – dazu die Mittel bereitstellen, also Steuern und andere Abgaben zahlen. Also heisst es wieder: Frauen in die Produktion! Oszi
Iromischerweise unterstützen genau diejenigen, Grüne, Linke und Sozialdemokraten, die mit einer gewissen Vehemenz zum Brechen der Macht dieser Märkte aufrufen und z.B. Banken endlich einmal pleite gehen lassen wollen (wo ich sofort zustimme!) mit ihrer Forderung nach  frühestmöglicher Fremdbetreuung von Kleinstkindern dieses System der Herrschaft der Märkte. Diesmal unter dem Fähnchen der Gleichberechtigung, Gleichstellung und Frauenförderung.

Was wir wirklich brauchen für unsere Kinder

Was noch fehlt ist ein Blick auf die Praxis, meint auf die Lebensrealität von Eltern in Deutschland. Es ist schlicht so, dass sich heute nur noch wenige Eltern leisten können, auch nur für eine kürzere Zeit auf ein zweites Gehalt zu verzichten. Real können sich nur die wenigsten tatsächlich den Luxus erlauben, nur ein Elternteil zur Arbeit zu schicken, während der andere zuhause die lieben Kleinen hütet. Das Modell Oma, das z.B. mich sehr zufriedenstellend durch meine Kindheit gebracht hat, steht  für viele betroffene Eltern auch nicht mehr zur Verfügung.  Der Arbeitsmarkt verlangt bekanntlich uneingeschränkte Flexibilität und wer nicht gerade verbeamtet in einer Stadtverwaltung oder dem Finanzamt sitzt, findet sich schneller, als ihm u.U. lieb ist, mit Kind und Kegel in einer anderen Stadt, weit weg von anderer Verwandtschaft wieder. Daher jetzt der Sprung zurück in den ersten Absatz: 100 oder 150 Euro als Betreuungsgeld sind deutlich zu wenig für eine echte Wahlfreiheit! Und genau diese Wahlfreiheit, die Wahl, ob ich mein kleines Kind in den ersten zwei bis vier Jahren eigenverantwortlich betreue oder in eine Fremdbetreuung gebe, macht für mich eine echte demokratische und freie Gesellschaft aus!
Der Kindergarten “danach” kann meiner Ansicht nach durchaus obligatorisch sein, denn dann sind die Kinder groß genug, um eine erfolgreiche Sozialisation mit anderen Menschen ausserhalb des Elternhauses zu starten. Vorher müssen eine Wahl bestehen und die Mittel vorhanden sein, diese Wahl auch wahrnehmen zu können. Den individuellen Lebensentwurf ohne Druck von aussen planen zu können.

Doch ein Grund, warum Mütter schnell wieder in den Beruf gehen sollten

Es gibt aber auch noch eine andere Seite der Familienrealität in Deutschland, die man nicht planen kann. Im Jahre 2012 betrug die Scheidungsquote (Ehescheidungen in Relation zu Eheschliessungen) 46,23 %. Das bedeutet, auf zwei Eheschliessungen kommt eine Scheidung. Abgesehen vom persönlichen Leid, vom Zerbrechen eines Lebensplans, von der Situation der betroffenen Kinder, die immer passiv und Opfer der Zerstörung ihrer Familiensituation sind, gibt es eine Weichenstellung für das spätere Leben der beiden Elternteile. Dazu gehört ein wie auch immer gearteter finanzieller Ausgleich unter bestimmten Bedingungen. Konkret wird erwartet, dass beide Elternteile so früh wie möglich einer Erwerbstätigkeit nachgehen und ihr Leben eigenverantwortlich führen. Das ist gut und richtig, denn eine früher übliche lebenslange Alimentierung eines Partners durch den anderen deckt sich keinesfalls mit einem Gedanken der Eigenverantwortung. Es bedeutet aber auch, dass beide für den Fall der Fälle vorsorgen sollten. Lebensunterhalt und nicht zuletzt die späteren Rentenansprüche sind hier ganz wichtig. Und das erlangt man durch Erwerbstätigkeit. Daher sollten auch Frauen, die ihre Kinder betreuen wollen, ihren Beruf wiederaufnehmen. Wann ist eine Sache, die zwischen den Eltern vereinbart werden muss.

Gerade diesen letzten Punkt habe ich nie in einer Argumentation für und wider des Betreuungsgelds gehört. Dieses Thema wird komplett ausgeblendet, die Betroffenen wissen aber darum.

Die Bedeutung in der Wahrnehmung der Bürger

Kurze Antwort: keine, die den Bürger, der zur Wahl geht, wirklich interessiert! Das Thema ist vollkommen verpufft, es blieb bei denjenigen, die ihre Argumente dagegen vorgetragen haben und konnte den Kreis nicht verlassen und neue Wähler überzeugen. Das Betreuungsgeld machte keine Schnitte gegen Euro-Rettung und den anderen Themen, die Frau Merkel für sich und ihre Partei gesichert hatte. Die Erfolglosigkeit des Themas scheint mittlerweile sogar bei der SPD angekommen, im Machtpoker um eine mögliche Regierungsbeteiligung rudert die Partei vorsichtig zurück. Damit gibt sie (wieder einmal) ihre Prinzipien auf.

tl;dr

Das Betreuungsgeld in derzeitiger Form ist nicht geeignet, den Anspruch zu erfüllen und verkennt die Realität im Land. Was wir brauchen ist eine echte Wahl!