Das Ende einer Weltordnung

08/24/2014
Die Ukrainekrise bietet sich zu dieser Überschrift an, aber heute geht es um ein Ereignis, das vor 75 Jahren, am 23. August 1939 in Moskau stattfand: der Vertrag zwischen Deutschland und der Sowjetunion, der als “Hitler-Stalin-Pakt” in die Weltgeschichte einging.

Der Vertrag, im Wesentlichen ein Nichtangriffspakt, war damals eine Sensation, eine Verständigung zwischen zwei scheinbaren Todfeinden.

Die komplette Desavouierung der Westmächte

Aber nicht nur das, dieser Vertrag war eine komplette Desavouierung der Westmächte England und Frankreich, die in völliger Fehleinschätzung ihrer Sicht auf Russland, das sie von oben herab behandelten, seit Mitte der 30er Jahre eine Verbindung mit Stalin suchten. Golo Mann schrieb dazu in seiner “Deutsche Geschichte von 1919 bis 1945″ treffend:

Russland sollte eingreifen [zur Verteidigung der Staaten östlich Deutschlands - Anm. von mir], wenn man es brauchte, und nur, soweit man es brauchte. Es sollte eine Ordnung verteidigen helfen, die 1919 auf seine Kosten entstanden war.

Diese Staaten, Polen, die baltischen Staaten, die Tschechoslowakei, bildeten ein

schwaches System, dies System von Staaten zwischen Rußland und Deutschland, schönrednerisch und unrecht, kraftlos von innen her, gefälschte Nationalstaaten, gefälschte Demokratien, gefälschte Monarchien, gegründet auf die vorübergehende Ohnmacht der Deutschen und Russen.

Ich glaube, treffender kann man die in den Pariser Vorortverträgen beschlossene und danach teils gewaltsam durchgesetzte und teils auch zwischen den neuen Staaten kriegerisch veränderte Nachkriegsordnung nicht beschreiben.

Die beiden Diktatoren hatten in drei Wochen Geheimdiplomatie ein Vertragswerk aus der Taufe gehoben, das beispiellos war. Aber die eigentliche Brisanz lag in einem erst nach dem Krieg veröffentlichten geheimen Zusatzdokument. Das beschrieb eine vollständige Neuordnung Ost- und Südosteuropas und wischte die territorialen Veränderungen, die der Erste Weltkrieg Europa gebracht hatte, mit den Unterschriften der Außenminister Molotow und von Ribbentrop weg. Das System von Versailles war Geschichte und die Welt hatte noch genau eine Woche Zeit, um sich darauf vorzubereiten.

Das geheime Zusatzprotokoll

Im einzelnen sah das Protokoll eine Aufteilung der Gebiete (süd-)östlich Deutschlands und westlich der UdSSR in Interessensphären vor. Enthalten war ein wohlwollendes wegsehen, sollte sich eine Partei daran machen, bestehende Grenzen zu verändern und Fakten zu schaffen. Das war faktisch das Todesurteil für Polen und die baltischen Staaten.
Eine Komplettfassung des Zusatzprotokolls gibt es hier.

Das Ergebnis ist bekannt. Am 1. September 1939 griff die Wehrmacht unter Zuhilfenahme einiger “false flag” Aktionen (z.B. Sender Gleiwitz) Polen an. Der Zweite Weltkrieg hatte begonnen.

Misstrauen gegen Deutschland in der Gegenwart

Dieser deutsche Coup, die von den Westmächten für unmöglich gehaltene Verständigung zwischen zwei Parteien, die sich zuvor propagandistisch auf’s Äußerste bekämpft hatten, hat im Westen einen Schock ausgelöst. Ich vermute, dieser Schock hält bis heute immer noch nach. Der Gedanke einer Achse Berlin – Moskau ist auch heute noch für schlaflose Nächte in Paris und London gut. Daher die massive Einbindung Deutschlands in NATO und EU. Daher keine deutschen Alleingänge zur Lösung, keine Verständigung mit Rußland in der gegenwärtigen Ukraine Krise. Kein Zulassen einer Sicht auf das Problem, wie es wirklich ist: eine klassische Krise des 19. Jahrhunderts, die mit den Mitteln des 19. Jahrhunderts gelöst werden kann. Durch direkte Gespräche zwischen europäischen Staatenlenkern – vornehmlich Deutschland, Frankreich und Rußland, und nicht durch übernationale Organisationen wie die EU, die sich in gewohnter Manier (vgl. das verhalten der EU im Balkankrieg in den 90er Jahren) völlig überfordert zeigt, aber das natürlich nicht zugeben würde. Daher der Aufbau einer Drohkulisse gegen Rußland durch die NATO und vor allem ihren Generalsekretär, der für mich der größte Kriegshetzer in Europa seit 1945 ist. In allem ist Deutschland eingebunden, man könnte auch sagen: festgebunden.

Ein guter Beitrag dazu vonFjodor Lukjanow, der über Putin sagt, dieser hätte sich mit Bismarck, De Gaulle oder Churchill, mit Interessenpolitikern, nicht den aktuellen “Werte-Missionaren”, gut verstanden.
Meine Rede!

tl, dr

Vor 75 Jahren wurde der Hitler-Stalin-Pakt geschlossen. Ein Datum, das das Schicksal der europäischen Nachkriegsordnung nach dem Ersten Weltkrieg besiegelte.

Quelle:
Mann, Golo, Deutsche Geschichte 1919-1945, Frankfurt 1976