Ein paar kurze Gedanken zur “Nation”

05/27/2016
Ein Gespenst geht um, Nein nicht in Europa, sondern vornehmlich in Deutschland. Österreich zähle ich großzügigerweise mit, auch wenn ich keine großdeutschen Ambitionen hege. Die Wahl des Bundespräsidenten im Nachbarland fordert es geradezu heraus.

Das heutige Gespenst heißt natürlich nicht Kommunismus, wie das obige historischen Beispiel vermuten läßt, sondern “Nationalismus”.

Nationalismus ist für uns Deutsche seit Gründung von Bundesrepublik und DDR 1949 so ziemlich der gesellschaftliche GAU. Der größte anzunehmende Unfall in der Entwicklung unseres Gemeinwesens. Allein die Vorstellung sorgt für Mannjahrhunderte an Schlaflosigkeit und Schauder. Daher muss allein der Verdacht schon maximal bekämpft werden. Überhaupt steckt in Nationalismus, Nation und natürlich auch national. Und das zeigt unmittelbar auf den Nationalsozialismus. Und Nationalsozialismus gilt als rechts und daher ist rechts sein, maximal böse sein. Dabei wird “rechts” nicht irgendwie differenziert betrachtet. Ein tradioneller Konservativer ist in den Augen vieler “rechts” und deshalb konsequent “Nazi”. Ein temporäres Übergangsstadium ist dann “rechtspopulistisch”. Also eigentlich, der Bedeutung nach, irgendwas von rechts und Volk, aber das wollen viele gar nicht so genau wissen.
Damit ist ein deutscher “Nationalismus” erledigt, aber das hindert uns nicht daran, anderen Nationalismen zuzujubeln. Kurden, Palästinenser, manch einer hat Tränen in den Augen, wenn er mit diesen Völkern für deren Rechte auf einen Staat demonstriert. Ganz schlimm ist die Bewunderung des ukrainischen Nationalismus, insbesondere bei einigen Politikern der Grünen, einer Partei, die vor vielen Jahren einmal für Frieden und Abrüstung angetreten ist. Da ist man sich nicht zu schade, offen mit faschistischen Milizen zu sympathsieren, aber gleichzeitig Schnappatmung zu bekommen, wenn hier un Deutschland zu WM/EM-Zeiten schwarz-rot-goldene Käppchen über Autospiegel gezogen werden. Ist das die Faszination von Hakenkreuzen und Wolfsangeln, wenn sie nur von den “richtigen” Leuten gezeigt werden?

Nationalismus  = rechts = maximal böse und gut ist’s!

In bestimmten Medien dürfen wir jede Woche mindestens eine Geschichte aus dem Dritten Reich lesen, frei nach dem Motto, unsere wöchentliche Nazi-Geschichte gebt uns heute. Der selbstgestellte Auftrag zur Volkserziehung ist unübersehbar.
Aber sind nicht die Staaten um uns herum alle “Nationen” und manche sogar offen national unterwegs? Sehen wir nicht selbst in Italien oder Frankreich vor Rathäusern in der Provinz die Nationalflaggen flattern? Sind das alles Nazis? Oder nur wir Deutsche, eben weil Drittes Reich usw. Sind wir deshalb minderwertig, müssen wir uns permanent an die Zeit von 1933 bis 1945 erinnern und daher entsprechend warnen, “gegen das Vergessen” agitieren und uns selber die unnachgiebigsten Kritiker sein? Ich frage mich, was sollen wir nicht “vergessen”? Sollen wir einfach glauben, statt zu wissen und rational Urteile zu fällen? Erfahren wir die Realität aus der Sicht der Beteiligten oder werden wir doch nur berieselt mit Parolen, mit Dämonen beworfen, mit Oberflächlichkeiten bombardiert, die tatsächlich nur den Unterschied zwischen gut gemacht und gut gemeint zeigen? Wieder einmal, anscheinend ist das typisch deutsch, denn die Deutschen stehen ja außerhalb ihres Wurstkesselchens im Ruf, eine Sache auch gerne mal um ihrer Selbst Willen zu verfolgen.
Wir bewegen uns inmitten von Dagegensein-Oberflächlichkeiten, wir erheben uns über die Deutschen in den 30er Jahren, wir beginnen die deutsche Geschichte erst 1933, wir sind einfach was besseres. Und wenn jemand heute eine andere Meinung hat, zur EU, zu Flüchtlingen, zu Putin, zu atlantischen Verbindung, zur Klimapolitik, dann ist er eben ab rechtspopulistisch abwärts. Und wir sind was besseres und schauen auf ihn herab und bewerfen ihn mit unserer ganzen Empörung. Manche, in schwarz gekleidet, wie damals Mussolinis Faschistentruppe, auch mit Steinen und Böllern, genau wie die SA seinerzeit Versammlungen sprengte. Aber niemals stellen wir uns die Frage, wer die wirklichen Nazis waren. Wir haben sie, leitmedial vorgekaut, als Aliens definiert, die 1933 die Macht “egriffen” und dann nur Tod und Verwüstung brachten. Wir brauchen uns nicht näher damit auseinander zu setzen, denn wir sind ja was besseres.
Aber wir verkennen dabei, die Nazis waren keine Aliens, sie waren keine Wesen von aussen, sie kamen aus unserer Mitte. Wir waren die Nazis. Aber das wollen wir heute nicht mehr wissen.

Die Nazis waren wir!

Das ist, was man nicht vergessen sollte, denn darin liegt der Schlüssel, um solch eine Entwicklung zu verhindern. Nicht darin, aus einer moralischen Hyperposition heraus jeden zu denunzieren, der anderer Meinung ist.
Die eigene Position niemals zu hinterfragen, mit klaren Feindbildern vor Überheblichkeit und Selbstgerechtigkeit strotzend, sich selbst für unangreifbar und moralisch unantastbar zu halten, das sind die Elemente, die den Faschismus in die Gesellschaft bringen. Rechts oder links zählt dann nicht mehr. Die eigene Überhöhung baut KZs, denn man muss den Andersdenkenden notfalls mit Zwang eine andere Meinung beibringen. Denn nur wir allein wissen, was gut und richtig ist. Ich frage mich tatsächlich, wielange es noch dauert, bis erste Forderungen zumindest nach Entzug des Wahlrechts für Anhänger der “Rechten” aufkommen. Umerziehen kommt dann später. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine besondere Spezialität “linker” Systeme.

Und die Nation?

Aber was hat das mit der Nation zu tun? Wir versehen mittlerweile auch jeden ausländischen Politiker, der eine nationale Politik betreibt, vollkommen empört mit dem Attribut “rechtspopulistisch”. Wir ignorieren, dass ein Herr Orban und andere Staatschefs aus der Nachbarschaft eine große Unterstützung ihrer Völker geniessen. Wir sind so verrannt in unserer Vision, spätestens seit 1968 die ewig Guten zu sein und die “Nation” zu zerschlagen zugunsten, ja zugunsten von was? Wir leisten uns den Willen der beteiligten Völker, ob Ungarn, Polen, Serben, Griechen usw. reinsten Herzens vollkommen zu ignorieren und in die Schublade “rechtspopulistisch” zu schieben. Dabei treten wir als Besitzer der ewigen Wahrheiten auf, versuchen, die EU zu dominieren, unsere Vorstellungen durchzudrücken. Auch gegen den Widerstand der anderen “Nationen” in der EU. Wir merken nicht, dass wir zum Geisterfahrer werden.
Betreiben wir dadurch nicht faktisch wieder eine deutsch-nationale Politik? Ist es eine Dominanzpolitik diesmal mit wirtschaftlichen Mitteln und moralischer Überheblichkeit, statt Stukas? Darf es uns wundern, wenn unsere Nachbarn dieses Auftreten genau so empfinden? Muss es das nicht sogar? Wir empören uns über Merkel mit Hitlerbärtchen in griechischen Zeitungen, aber niemand stellt die Frage, woher das kommt. Wir verstehen nicht, dass man eine Nation beleidigen kann, weil wir selber den Begriff für uns maximal negativ besetzt haben, keine sind und uns die Identität fehlt, die sich andere Nationen im Laufe der Zeit erarbeitet haben.

Und die andere Seite…

Und dann wundern wir uns, dass nicht alle sein wollen, wie wir, während wir gleichzeitig einknicken vor jedem, der eine feste Position vertritt und sich nicht beeindrucken lässt. Wie aktuell Erdogan, der mittlerweile offen eine imperiale Politk betreibt und uns und die “Wertegemeinschaft” namens EU am Nasenring durch die Manege zieht.
Wir sind nicht in der Lage, eine eigene Aussenpoltik zu führen, nicht als Deutschland, nicht als EU. Wir haben zugunsten einer dominanten Position innerhalb dieses “EU” genannten kleinen Kreises von Nationen, verursacht, dass der weltpoltische Einfluss genau dieser EU und damit unserer, dramatisch schrumpft. Wir haben zugelassen, dass diese EU in eine Entwicklung hineinläuft, die sie zwingt, sich auf unabsehbare Zeit ausschließlich mit sich selber zu beschäftigen und damit als weltpolitischer Faktor ausscheidet. Griechenland und Flüchtlinge sind die Stichworte dazu.

Die Wahrheit zu besitzen und jedem einzuflößen, der sie noch nicht verinnerlicht hat, ist nicht allein eine deutsche Eigenschaft. Aber heute sticht es besonders hervor. Und sowohl im Innern der Republik, als auch im Umfeld der Nachbarstaaten spaltet es und stärkt die “Rechten”. Die echten.