Ein Planet verglüht: Saturn

05/07/2013
Es musste wohl so kommen. Ich konnte es nicht verhindern. Es war nur eine Frage der Zeit.

Ich war bei Saturn. Nicht bei irgendeinem Saturn, bei dem Saturn in Köln. Dem ersten. An einem Samstag im Mai 2013.

Zeitreise

Der ursprüngliche, von Fritz Waffenschmidt 1961 gegründete Elektrohandel, ab den 70ern mit dem Slogan “die größte Schallplattenschau der Welt”, ein Tempel des Verlangens aller musikbesessener Teenager damals. Die schmalen (damals noch) orangen Tüten waren genau auf die Größe von LPs zugeschnitten. Zum normalen Alltag eines Schülers gehörte in den Pausen eine Tüte gegen eine andere zu tauschen, zuhause die Schätze auszupacken, aufzulegen und wenn man zu den Glücklichen gehörte, die schon ein Cassettendeck besaßen, aufzunehmen. An einem der folgenden Tage wurde die Tüte wieder zurückgetauscht. Wenn man kein Cassettendeck besaß, konnte es auch etwas länger dauern.
Wobei es allerdings immer Zeitgenossen gab, mir fällt da spontan ein heute leitender Redakteur einer Monatszeitschrift zum Thema Audio ein, die weigerten sich, ihre Platten zu verleihen. Da blieb dann, die betreffenden Menschen zu sich einzuladen mit der Bitte, ein paar Scheiben mitzubringen. Während des Besuchs, wurden die dann flugs auf Cassetten gepresst.
Und dann die Auswahl. Platten aller Genres ohne Ende. Aufgeteilt in zwei Etagen, EG und Keller. Im EG war das, was uns damals interessierte. Pop/Rock/Folk und Konsorten. Ein riesiger Raum voller Krabbelkästen. Die Kästen waren nach Interpreten sortiert, die jeweils getrennt durch transparente Plastikteiler, auf denen eine Liste der verfügbaren LPs samt Bestellnummer und Label handschriftlich notiert waren. Fand man also das Teil seiner aktuellen Begier nicht direkt im Kasten, merkte man sich Label und Nummer und lief, die Nummer leise vor sich hin murmelnd auf dem kürzesten Weg irgendwo in das Regallabyrint an den Rändern des Saals. Wenn man nicht angerempelt wurde , z.B. von einem anderen, Menschen in ähnlicher Mission und dabei die Nummer vergaß, das passende Regal fand, das richtige Fach fand und die Platte drin stand, war man am Ziel seiner Träume!
Für den, zugegeben unwahrscheinlichen Fall, dass man seinen Schatz nicht fand, gab es immer die Möglichkeit, den ein oder anderen ungemein kompetenten Mitarbeiter, der an zentraler Stelle über den Saal wachte, zu fragen. Wenn er nicht wusste, wo die Scheibe stand, gab es sie nicht mehr. Ich erinnere mich an die James Gang, Live in Concert, die ich monatelang gesucht hatte und schließlich sofort bekam, nachdem ich mal dumm gefragt hatte …
Das war damals. Für uns ein Stück Kultur.

 Und HeutePlatten

Ich war erschüttert. Was nach diversen Umbauten, Umräumaktionen und Neugestaltungen aller Etagen da heute abgeht, wie es aussieht und unter welchen Bedingungen die Menschen dort arbeiten, ist meiner Ansicht nach desaströs. Einrichtung, Beleuchtung, unentkommbares, allgegenwärtiges Dauergedudel mit Musik, die mir altem Mann fast schon körperliche Schmerzen bereitete. Aber vermutlich exakt zugeschnitten auf die angepeilte Zielgruppe der “coolen” Baseballkappenträger (natürlich die mit dem Schirm hinten)…
Ich könnte dort nicht arbeiten, würde wahrscheinlich noch vor Ende des ersten Tags durchdrehen. CDs, DVDs, BlueRays, alles mehr oder weniger ineinander übergehend in einem Raum. Keine Krabbelkästen, sondern Terrassendisplays, gefüllt mit dem, was gerade da ist. Was dort nicht steht, gibt es nicht. Die Tafeln mit Label und Nummer ebenfalls nicht.
Ich spürte nach wenigen Minuten, ich bin hier falsch! Also schnell gekauft, was ich suchte – es ging um ein Geburtstagsgeschenk für den folgenden Tag, daher war der Laden sozusagen die letzte Chance – und dann raus.

Blöd ist geil

Der Laden, das ganze Konzept, die Aufwartung für die Kunden manifestiert für mich die Kombination der Slogans der beiden Schwestermärkte, die bekanntlich wirtschaftlich nicht besonders rosig da stehen: Blöd ist geil.
Ich gehöre definitiv nicht zur Zielgruppe. Das habe ich auf der Facebook “Fan”Seite des Saturn gepostet, worauf man mir riet, doch den Online Shop zu besuchen (Link spare ich mir). Ich habe ‘draufgeschaut, es ist nichts anderes, als einer der bekannten Prospekte in der Version für das Web. Optisches Gekreische, bewegte Werbeblöcke, dicke Schriften und viele, viele bunte Bilder.
Auch hier strecke ich die Fahne.

Was bleibt?

Vielleicht verstehe ich die Genialität des Konzeptes nicht, aber was mir spontan einfällt: zum Glück gibt es Amazon! Eine bessere Werbung für den Onlinekauf bei Amazon kann ich mir derzeit nicht vorstellen. Als Amazon würde ich einen Werbespot dort drehen. Natürlich, der Webauftritt ist langweilig. Aber ich werde von Schlagzeilen und der erwähnten optischem Gekreische verschont. Was noch wichtiger ist: ich bekomme, was ich haben will. Selbst mehr oder weniger exotische Teile, die mich im Laden ratlos vor einer unüberschaubaren Wand mit Blisterpackungen stehen lassen, finde ich sofort und spätestens zwei Tage nach dem Klick auf kaufen klingelt der freundliche DHL Mann. Der ist hier auch wirklich freundlich.
Wie gesagt, wäre ich Amazon, ein Werbespot für Imagepflege und Kundenservice böte sich an.

Konsequenz und Ausblick

Was passiert gerade im Einzelhandel? Wer hat so eine Zukunft? Die großen, anonymen, zeitgeist-trendigen Läden Marke Saturn und Schwester Media Markt sicher nicht. Sie sind tot, noch nicht umgefallen, aber tot. Zombies. Das Konzept wie oben beschrieben ist nicht belastbar. In der heutigen Zeit habe ich als Anbieter entweder Auswahl und mache es meinen Kunden möglichst einfach, ihre Wünsche zu erfüllen oder ich biete beim Kauf eine soziale Komponente, also (Fach)Gespräche, Informationen, Klatsch & Tratsch aus der Branche und z.B. einen Kaffee. Wo passt also das derzeitige Konzept der Firma Saturn hier ‘rein? Stimmt, nirgends. Auswahl ja, wenn es sich um Mainstream handelt, Einfachheit Fehlanzeige, denn ich muss hin und wenn das Teil nicht da ist, muss ich es bestellen lassen. Damit habe ich verloren. Und als letztes die soziale Komponente: Null. Im Ergebnis kann ich sofort bestellen, wo ich sicher bin, alles zu bekommen und das ganze schnell. Den Kaffee dazu mache ich mir vorher selber.

Kaffee Die Zukunft

Ich sehe die soziale Komponente als entscheidenen Faktor im Einzelhandel der Zukunft. Wenn ich schnell etwas brauche, werde ich es bestellen und innerhalb weniger Tage oder vielleicht bald nur noch Stunden, in der Hand halten.
Wenn ich Beratung aus der Praxis brauche, wenn ich mich austauschen will, wenn ich den Händler sympathisch finde und den neuen Plattenspieler mal “live” spielen hören will oder auch meinen Urlaub verständlich erklärt haben und von allen evtl. Überraschungen vorher erfahren möchte, gehe ich in ein Fachgeschäft bzw. Reisebüro. Wenn ich einfach so mal ein paar Bücher erstöbern will, gehe ich in ein kleines Buchgeschäft und meide die großen Ketten.
Mir macht es dann auch nichts aus, vielleicht ein paar Tage auf ein Ergebnis zu warten. Denn ich weiss ja, auf was ich mich einlasse. Aber Läden mit diesen Kreischkonzepten wie oben erwähnte Elektrokette brauche ich nicht. Und ich bin sicher, ganz viele andere Menschen werden das sehr bald sehr ähnlich sehen. Am fortschreitenden Siechtum z.B. der großen Buchhandelsketten sieht man das bereits.
Es wird nicht mehr wie früher, auch wenn früher die Musik selbstverständlich besser war!
Meinen manche.

Nachtrag: wer vom alten Kölner Saturn noch etwas zu berichten weiss, nutze bitte die Kommentarfunktion! Es wäre schade, wenn diese Geschichten vergessen würden.