Was ist das Internet?

06/29/2013
Im Rahmen der Diskussion über Überwachung und die Neulandsicht Frau Merkels stellt sich mir die Frage, worüber reden wir eigentlich?

Eine sich selbst als fortschrittlich definierende, netzaffine Community lacht sich kaputt über die vermeintliche Naivität der Bundeskanzlerin, über ihr geistiges Hinterwäldlertum. Wie ich das sehe und warum diese Gemeinde mächtig auf dem Holzweg ist, habe ich bereits geschrieben, aber trotzdem ist diese Diskussion immer noch aktuell.

Trotz aller Ignoranz von politischer Seite ist das Thema “Internet” derzeit in breiter Diskussion im gesamten gesellschaftlichen Raum. In Deutschland haben wir aktuelle Themen wie das drohende Leistungsschutzrecht, Vorratsdatenspeicherung, Netzneutralität zusammen mit “Drosselkom”, Breitbandausbau, die verzweifelte Suche der klassischen Diensteanbieter wie Telkos nach neuen Geschäftsmodellen, um das Wegbrechen der altbewährten Cash Cows wie Telefonie und SMS zu kompensieren, natürlich den medienwirksamen Dauerbrenner Datenschutz mit seinen aufgeregten Protagonisten, bekannt aus Funk und Fernsehen wie bspw. Herrn Weichert und etliches mehr. 
Hinzu kommt eine neue internationale Qualität durch die jüngsten Enthüllungen über die großangelegten totalen Überwachungsprogramme Marke PRISM oder TEMPORA, die mal so eben die gesamte digitale Kommunikation mitschneiden und bewerten nach bestimmte Kriterien unter dem Deckmäntelchen der Gefahrenabwehr durch selbstmotivierte Terroristen. Dabei gilt kurz und knapp die Devise, alles was die gewohnten Prozesse zu unserer “Sicherheit” umgeht oder gar infrage stellt, ist gefährlich und muss kontrolliert werden. Und da ist das “Internet” eben ganz vorne im Fokus unserer Blockwarte, so wie es früher Briefe und Telefonate allein waren. Ich bin mittlerweile “sicher”, dass unsere “Sicherheits”politiker, wie Minister Friedrich und Konsorten selber nicht mehr erklären können, was “Sicherheit” eigentlich bedeutet. Ist Selbstzweck geworden, die Freiheit, die angeblich verteidigt wird, ist längst abgeschafft. Zu ihrer eigenen “Sicherheit”, versteht sich. Und was die Datensammel- und -auswertungswut kranker US-Amerikaner und ihrer britischen Brüder im Kleinstgeiste betrifft, so bin ich wieder “sicher”, ihnen fehlt jegliches Bewusstsein, für das, was sie tun, weil sie eben nicht wissen, was Freiheit eigentlich bedeutet und diese Freiheit daher keinen Wert mehr darstellt.

Alles und für jeden

Aber zurück zum Kleinen … Oben steht Internet immer als “Internet”, denn es gibt eben nicht das Internet. Ein netzbeweglicher Anwender versteht darunter etwas ganz anderes, als ein ITler, der vor 20 Jahren die Entwicklung des WWW als bedienungsfeundliches Aushängeschild eines weltweiten Datennetzes begleitet hat und die Parameter der Protokolle rückwärts im dunkeln herunterbeten kann. Es gibt die Kids, deren Internet aus Games und Musikdiensten besteht, die Facebook Gemeinde, die sich mit Klicks auf die jetzt oft angeführten berüchtigten Katzbildern verlustiert, Twitterer, die die Welt retten und aufschreien, wenn sie sich diskriminiert fühlen (und sich damit erschreckenderweise bis zum Grimme Preis durchschreien), Rentner, die vielleicht unter Mithilfe ihrer Enkel Zugfahrkarten kaufen oder online Bankgeschäfte tätigen, Gadget Jäger, die ihrer ersten Google Glass entgegenfiebern und für die ein iPhone ein antiker Hut ist. Und uns alle, die sich Dinge bei amazon bestellen oder zumindest die Altlasten im Regal bei ebay versilbern. Dann wäre da noch die große Gruppe professioneller Anwender, deren Tagesgeschäft durch eine Anwendung in irgendeiner Cloud bestimmt wird, Service Mitarbeiter, die ein Kundenportal im Web betreuen, Journalisten, die ihre Interviews als Hangout on Air durchführen,  Entwickler, die uns Apps für unsere Smartphones liefern, Administratoren, die die Datenverbindungen am laufen halten. Und natürlich die, die alles davon machen – und noch ganz viele andere.

Information – Kommunikation – Partizipation

Anhand der obigen unvollständigen Aufzählung sieht man schon, In den Jahren seit es das Netz, einschließlich der Business Vorläufer Compuserve und AOL, gibt, hat sich das Nutzerverhalten grundlegend gewandelt. Am Anfang stand lediglich die Verteilung von Daten, die durch Interpretation zu Information wurden. Einsatzbereiche waren eher professioneller Natur. Daten wurden irgendwo erzeugt und dann dorthin geschickt, wo sie verarbeitet und interpretiert werden konnten. Oszi
Der zweite Schritt kam zwangsläufig mit der Möglichkeit zu vereinfachten Zugängen zu diesem Netz. Ich kann mich noch gut an diverse Diskussionen in Fachforen bei Compuserve in den 90ern erinnern. Die Forenkultur des www wurde dort bereits vorweg genommen, nur dass die Qualität der Beiträge deutlich höher war. Vermutlich weil es sich um ein Business Netzwerk handelte und  der Zugang teuer und uninteressant für den netten Forentroll von nebenan. Was aber dahinter stand und sich später im Web wiederholte, war der Drang zur Kommunikation. Zum Austausch und zum Versand von Nachrichten. Mail und Diskussionsforen entstanden und wurden zunehmend genutzt. Auch im Customer Care wurde diese Entwicklung angenommen, Call Center nannten sich jetzt Contact Center, weil sie ihr Kommunikationsspektrum um die neuen Kanäle Web und Mail erweiterten. Diese Welt war aus Sicht der beteiligten Unternehmen noch weitgehend in Ordnung, denn sie bestimmten nach wie vor die Regeln und versuchen es heute oft genug immer noch unter völliger Ignoranz der geänderten Bedingungen. Denn heute steht ein dritter Aspekt auf dem Zettel und das ist die Partizipation. Kurz definiert: jeder hat was zu sagen und bestimmt wann und wie er das tut.
Diese Entwicklung ist eng mit der der sozialen Netzwerke verbunden, denn dadurch entstand eine unabhängige Plattform, die dem Nutzer die Möglichkeit gibt, jederzeit zu allem und jedem seine Meinung in die Welt zu tragen. Dabei bestimmt er Thema, Reichweite und steuert die Bewertung. Wird auf einem Unternehmensportal auf Facebook ein neues Produkt vorgestellt, ist die Vorstellung, nach fünf Minuten einen Kommentar eines Anwenders lesen zu können, das Produkt sei veraltet, viel zu teuer und bei der Konkurrenz schon seit einem halben Jahr zu haben, nicht unrealistisch. Die Kontrolle der Kommunikation ist somit perdu.
Wie Unternehmen damit umgehen ist eine andere, selten glorreiche Geschichte, aber immer wieder gerne ein Fall für ein persönliches Gespräch.

Das Internet der Anwender?

All das oben Beschriebene und noch viel mehr ist unser Internet und ein wahnsinnig spannender Teil des Lebens in dieser Zeit . Um das Thema etwas zu vertiefen – das Internet der Anwender, nicht nur der Dinge – plane ich den ein oder anderen Hangout on Air dazu. Kurze Diskussionen über das Internet mit verschiedenen Menschen – professionellen Anwender, Voraus-Denkern, Hobbyusern aus allen Bereichen, um ihre persönliche Sicht dazu zu hören. Das ganze mit Mitteln die es nur im Internet gibt. Wer mitmachen möchte, bitte melden.